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DFG-Projekt "Digitale Rätoromanische Chrestomathie"

Ausgangslage

Das Bündnerromanische ist - verglichen mit anderen Minderheitensprachen – eine verhältnismäßig gut geschützte und gepflegte Kleinsprache, auch dank nationaler Initiativen. Durch die Societad Retorumantscha, die für das Digitalisierungsprojekt Ansprechpartner in der Schweiz ist, wurden vielfältige Forschungsarbeiten zur bündnerromanischen Sprache und Kultur durchgeführt. Die Societad Retorumantscha ist u.a. Herausgeber des Dicziunari Rumantsch Grischun (DRG, siehe http://www.drg.ch), des größten Wörterbuchs des Rätoromanischen und gleichzeitig eines der vier nationalen Wörterbücher der Schweiz.

Das Rätoromanische ist für die korpuslinguistische Forschung von besonderem Interesse, da es einen reichhaltigen Untersuchungsgegenstand für Sprachwandel und Sprachverwandtschaft darstellt. Dies gilt insbesondere für die Rätoromanische Chrestomathie, die eine der wichtigsten Textbasen des Bündnerromanischen ist. Digital steht die Rätoromanischen Chrestomathie bislang nur in Form von Faksimiles zur Verfügung (siehe www.digizeitschriften.de); ein elektronischer Volltextzugriff ist nicht gegeben. Eine volltexterschlossene Rätoromanische Chrestomathie ist linguistisch und romanistisch für nahezu alle sprachwissenschaftlichen Teildisziplinen von außerordentlichem Interesse; sie stimuliert lexikographisches und lexikologisches, morphologisches und syntaktisches, semantisches und textlinguistisches Arbeiten. Sie ermöglicht datengetriebene Untersuchungen zu Textstrukturen und Textsorten. Aufgrund des hohen Varitätenreichtums der Rätoromanischen Chrestomathie werden auch diachrone (d.h. über vier Jahrhunderte reichende) und diatopische (fünf Hauptidiome umfassende) Untersuchungen von der Volltexterschließung profitieren. Der Varitätenreichtum findet nicht zuletzt auch in den unterschiedlichen Verschriftungs- und Orthographietraditionen des Bündnerromanischen einen höchst vielfältigen Ausdruck. Mit der Verschriftungsproblematik verbunden ist die Typographieproblematik der Vorlagen; die verwendeten Typographien spiegeln die Drucktechnik zu Ende des vorvergangenen Jahrhunderts und deren Entwicklung über einen Publikationszeitraum von mehr als 20 Jahren wider.

Genau diese Probleme sind aber nicht allein mit dem Bündnerromanischen verbunden, sondern finden sich ähnlich in anderen Sprachen, vor allem Kleinsprachen. Insofern ist die Lösung der anstehenden Probleme exemplarisch hinsichtlich der Bewahrung des kulturellen Erbes kleinerer Sprachgemeinschaften. Das Projekt betritt dabei methodisches Neuland, indem die Sprachgemeinschaft in geeigneter Weise einbezogen werden soll. Dies betrifft in gleicher Weise die Erstellung wie auch die Nutzung der gewonnenen Volltexte, insofern die Sprachgemeinschaft sowohl an der Korrektur und Pflege als auch an der Erweiterung der Textbasis partizipiert. Dies verleiht dem Projekt einen prototypischen Charakter für die Erstellung von älteren, gedruckten Textkorpora, gerade für kleinere Sprachgemeinschaften mit fehlenden oder varianten Verschriftungstraditionen (z. B. Aromunisch oder Sardisch).

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